Was schrieb die Presse über die Gartenzwerge?

Befreiungsfront schlägt in Frankreich wieder zu

Ein Gespenst geht um in Frankreich - das Gespenst der Gartenzwerg-Befreiungsfront. Nach dreijähriger Pause schlug die "Front de liberation des nains de jardin" (FLNJ) jetzt wieder zu: Sie "befreite" am ersten April-Wochenende 20 Zwerge einer Gartenzwerg-Ausstellung im Pariser Park Bois de Boulogne. Dabei waren die französischen Behörden davon ausgegangen, dass sich die geheimnisvolle Organisation längst aufgelöst hat. Die FLNJ sorgte mit ihren "Anschlägen" 1996/1997 landesweit für Aufsehen - und löste einen sensationellen Gartenzwerg-Boom in Frankreich aus.

Der Vorfall im Bois de Boulogne - dort werden bis Ende Juli rund 2.000 Zwerge und andere Märchenwesen ausgestellt - war die erste derartige "Befreiungsaktion" in Paris. "Wir fordern, dass Gartenzwerge nicht länger lächerlich gemacht und in ihre natürliche Heimat - den Wald - entlassen werden", hieß es in einem Kommunique der FLNJ-Pariser Kanal. Die Organisation verlangte die sofortige Schließung "dieser verabscheuungswürdigen Ausstellung"; andernfalls werde sie wieder zuschlagen.

Die Pariser Stadtverwaltung zeigte sich unerbittlich. "Die Ausstellung wird fortgesetzt", hieß es im Rathaus. Aber wissen die Stadtväter wirklich, was sie tun? Schließlich sorgten die "Anschläge" der FLNJ 1997 schon einmal für politische Verwicklungen: Der Vorsitzende des Internationalen Vereins zum Schutz der Gartenzwerge, der Schweizer Fritz Friedmann, führte in einem Brief an den damaligen Pariser Innenminister Charles Pasqua Klage über die "Befreiungsaktionen".

"Freilassung" bei bengalischem Feuerwerk und Techno
Dabei fing im Sommer 1996 alles ganz harmlos an. Eine Gruppe von Studenten in Alencon in der Normandie gründete nach einem Kneipenbesuch die FLNJ - in Anlehnung an die korsische Befreiungsbewegung FLNC. Binnen zwei Tagen entwickelten die Leute im Alter zwischen 18 und 24 Jahren die Struktur einer Untergrundorganisation - mit Geheimcode, Decknamen und allem Drum und Dran. Im Schutz der Dunkelheit wurden die ersten Gartenzwerge verschleppt; ihre "Freilassung" im Wald wurde bei bengalischem Feuerwerk und Techno-Musik zelebriert, wie der Sprecher der damaligen Gruppe, "Prof", erklärte. Die FLNJ in Alencon setzte sich als Ziel, die Lebensbedingungen der Zwerge zu verbessern, die in den Vorgärten nachts allein und in der Kälte ihr Dasein fristen müssen.

Experten beschäftigten sich mit Gartenzwerg-Seele
Das Interesse der Öffentlichkeit überraschte die Gruppe selbst. Plötzlich war der Name der Stadt Alencon in aller Munde. Soziologen und Psychologen legten Untersuchungen zur seelischen Befindlichkeit von Gartenzwergen vor. Doch mit dem Spaß war es schnell vorbei, als die Polizei erklärte, sie werde unerbittlich gegen die "Freiheitskämpfer" vorgehen.
Im Februar 1997 kündigte die FLNJ ein Ende ihrer Aktionen an - allerdings zu spät: Inzwischen hatten sich in ganz Frankreich Splittergruppen gebildet. In Grogny in Essonne bei Paris "befreite" das Kommando X den Zwerg Ronald McDonald; die FLNJ-Hysterischer Kanal schlug im April 1997 im Süden des Landes zu; im Sommer des gleichen Jahres wurden 110 Zwerge in einem Wald im Departement Haute-Vienne in Mittelfrankreich "freigelassen" und 55 in der Bretagne. Mit der Festnahme von vier Gartenzwerg-"Befreiern" im August 1997 in Bethune im Norden Frankreichs endete die "Anschlagserie" schließlich. Die Täter, bei denen man 182 Zwerge fand, wurden zu Bewährungs- und Geldstrafen verurteilt. Seitdem wurde es still um die "Befreiungsbewegungen" - nicht aber um die Gartenzwerge. Ihre Verkaufszahlen schnellten binnen zwei Jahren in die Höhe - von wenigen hundert auf mehrere tausend im Jahr.

AP - 21.April 2000

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