Was schrieb die Presse über die Gartenzwerge?

Am Gartenzwerg scheiden sich die Geister

Schon seit Jahrzehnten bevölkert er Wiesen und Beete, rührt sich auch bei Wind und Wetter nicht vom Fleck und lächelt fast immer freundlich. Trotzdem hat der kleine rotbemützte Kerl Feinde. Nicht jeder ist ein Gartenzwerg-Freund.

Das bewiesen einige Nachbarn, als sie in Hasselweiler bei Titz die Polizei riefen, weil sie sich durch einen Gartenzwerg belästigt fühlten. Der junge Besitzer hatte seinen kleinen Freund in den Vorgarten seines Hauses gestellt. Was die Nachbarn stört: Der Zwerg ist Exhibitionist, er hält seinen Mantel weit geöffnet, zeigt sein 'bestes Stück' und lächelt natürlich! Die Anwohner alarmierten die Polizei. "Die Kollegen sahen sich den Gartenzwerg vor Ort an. Er war völlig harmlos. Schließlich ist der Penis nicht erigiert. Das war keine 'Erregung öffentlichen Ärgernisses' nach Paragraph 183a des Strafgesetzbuches", sagt Polizeisprecher Willi Roderburg. Der Zwerg darf im Vorgarten stehen bleiben, obwohl er sicher nicht den weitverbreiteten Moralvorstellungen entspricht.

Zwergentradition
In Märchen und Sagen bevölkern Geister, zu denen auch Zwerge gehören, schon seit Jahrhunderten unterirdische Höhlen. Sie hassen es, von Menschen gesehen zu werden. Nur der Gartenzwerg, lat. nanus hortorum vulgaris, ist eine Ausnahme. Er lebt in der Nähe des Menschen auf Wiesen, Beeten und in Hecken. In der Zwergenkunde, lat. Nanologie unterscheidet man drei Gruppen: die Malocher, lat. nanus laborans, die Musensöhne, lat. nanus artifex und die Faulpelze, lat. nanus relexans. Ende des 19. Jahrhunderts erblickte der Terakottazwerg das Licht der Welt. Die Wiege des Gartenzwerges stand in Gräfenroda in Thüringen. Seit dieser Zeit werden die Vertreter der verschiedenen Gattungen mit ihren jeweiligen Attributen ausgestattet. Der Malocher hält Schaufel und Spietzhacke, der Musensohn spielt Flöte oder Harmonika und der Fauspelz schmaucht gemütlich sein Pfeifchen.

Skandalzwerge
Die Zwergenharmonie wird seit Mitte der 90er Jahre von einem Provokateur gestört: Dem nanus perversus. Ihn gibt es in Lack und Leder. Anstatt zu graben, zu hämmern oder eine Laterne hochzuhalten, zeigt er reichlich blanke Haut. Auch Politiker als Gartenzwerg sind mehr oder weniger beliebt. Regen sich die einen über die Spießbürgerlichkeit der 'Klassiker' auf, treibt die Schamlosigkeit der kleinen Nackedeis den anderen die Zornesröte ins Gesicht. Der Nanologo Prof. nan. Fritz Friedmann vom Internationalen Verein zur Rettung des Gartenzwerges in Basel nimmt alle in Schutz: "Wir kämpfen für die Rechte eines jeden Zwergs. Sie sollen vor Misshandlungen geschützt werden!"

Prozesse gegen Besitzer von Gartenzwergen hat es schon viele gegeben. Dabei wird nicht immer nur gegen Provokateure gewettert. Auch die Inhaber von Musensöhnen und Malochern sind schon vor Gericht gelandet. 1995 klagte eine Frau gegen ihren Nachbarn, weil seine Gartenzwerge zu kitschig und kleinbürgerlich waren. Entweder man liebt sie heiss und innig oder man hasst sie. Aber wenn man sie lächeln sieht, lassen sie niemanden völlig kalt.

WDR - 31. Oktober 2001

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