Was schrieb die Presse über die Gartenzwerge?

Statue des kleinen Mannes

Der "Nanologe" Fritz Friedmann über gefährdete Gartenzwerge

Zipfel auf! Der Gruß Fritz Friedmanns ist standesgemäß. Denn er hat sich der Rettung eines ganzen Volkes verschrieben. Der Basler Nanologe besitzt gut 1.800 Zwerge. Und zwar beseelte. Beseelt sind jene immer rarer werdenden Exemplare, die aus Terrakotta hergestellt sind, und wahre Zwerge sind sie dann, wenn sie der normierten Größe von höchsten 68 Zentimetern entsprechen - und als würdige Vertretung ihrer Spezies dargestellt sind.

"Kein Messer im Bauch, kopulierend, sonstwie unartig, oder womöglich gar als weiblicher Gartenzwerg dargestellt."
Mit Fritz Friedmann ist in Sachen Gartenzwerge ebensowenig zu spaßen wie mit einem Basler über die Fastnacht. Ernster Unernst prägt den Nanologen mit der selbstverliehenen Professur. Aber ein Experte der Zwergwissenschaft ist er dennoch.

Auch wenn er zu seinen Geschöpfen wie die Jungfrau zum Kind gekommen ist. Mit einem Kollegen verschickte der Wirtschaftsjournalist und Werber vor vielen Jahren aus Jux und Tollerei ein hochoffizielles Schreiben mit dem kreierten Briefkopf der ersten "Schweizer Zwergenfabrikation" an Werbekollegen und lud einige von ihnen in ein vornehmes Hotel zwecks Besprechung der Marktstrategie ein.

Alle ließen sich hereinlegen. Aber als einer der Hereingelegten einmal gefragt wurde, ob er einen Zwergenfachmann kenne, nannte er ohne zu zögern den Namen Fritz Friedmann. "Ich wollte nicht zugeben, dass ich keine Ahnung hatte", gesteht Friedmann. Und so begann er sich in die Geschichte der Gartenzwerge einzulesen - der Nanologe war geboren.

Subversiver Spießbürger
Aus Sicht der belachten Zwerge war es höchste Zeit, einen redegewandten, kämpferischen Fürsprecher zu bekommen. Die Vereinigung zum Schutz der Gartenzwerge mit ihren 300 Streitern schützen nun die Gartenzwerge vor übler Nachrede. "Wenn jemand sagt, der Bundesrat Ogi oder Bundeskanzler Schröder seien Gartenzwerge, dann ist das für diese Politiker eine Ehre, aber für die Gartenzwerge eine üble Beleidigung." Weiters werden die Zwerge vor kriminellen Übergriffen geschützt. Besonders die in Frankreich verbreitete Vereinigung zur Befreiung der Gartenzwerge ist Friedmann ein Dorn im Auge: "Die Lümmel behaupten, die Zwerge seien im Garten unfrei. Dabei ist es ihre Berufung, dort zu stehen." Schließlich werden die Zwerge auch vor unlauterer Werbung geschützt. Wer also Kondome in ein Papier mit Gartenzwergen einwickelt, bekommt es mit Friedmann und seinen Freunden zu tun.
Arbeit gibt's an allen Ecken und Enden. Sie beginnt mit der Aufklärung der Geschichte der Gartenzwerge. Ihr Ursprung geht auf die Gegend von Erfurt zurück. Im Thüringer Wald war im 19. Jahrhundert das Wild zahlreich, aber wenig bejagt. Nichtjäger sammelten die abgestoßenen Hörner und ließen den Schädel mit Lehmerde nachformen und emaillieren.

Dank des lebensechten Ergebnisses durfte der Besitzer Ehrungen als treffsicherer Schütze entgegennehmen. Ein Lehrling, der in einem Schlosspark eine große Trollen- oder Zwergenfigur gesehen hatte, kam auf die Idee,
diese im Kleinformat und in großer Stückzahl herzustellen. Das Produkt verkaufte sich an der Leipziger Messe wie warme Semmeln, denn das auslaufende 19. Jahrhundert war nicht nur vom wachsenden Nationalismus, sondern auch vom zunehmenden Schrebergartenfieber geprägt. Die Statue des kleines Mannes war geboren.

Attribute wie spießbürgerlich, typisch deutsch und ähnliches begleiten noch heute diese gemütlichen Figuren, die bis zum Zweiten Weltkrieg südlich der Mainlinie vor allem im deutschsprachigen Raum große Verbreitung fanden.
Dabei hat gerade diese zur Zierde erhobene Bescheidenheit, die kultivierte Form der Selbstbeschränkung, eine subversive Note. Kitsch oder Kunst, Kunst oder Kitsch war für die Nationalsozialisten keine Frage. Monsterzwerge wollte niemand, und die freiwillige Kleinheit entsprach nicht dem Bild einer Herrenrasse. Der Gartenzwerg, Antifaschist wider Willen, wurde von den Nazis verboten.

Später, im kommunistisch gewordenen Ostdeutschland, wurden dem armen Mann bourgeoise Tendenzen unterstellt. Die Produktion wurde erneut verboten und der Gartenzwerg trotz roter Zipfelmütze zum Antikommunisten. Dabei hätte den Parteibonzen ein Blick in die Geschichtsbücher genügt, um sich vom Gegenteil zu überzeugen.
Aussehen und Kleidung des Gartenzwerges erinnern nämlich an die Bergmänner von Thüringen. Auch sie hatten Mützen als Kopfschutz, sie waren klein, hatten festes Schuhwerk und trugen oft eine Grubenlaterne, wie dies heute noch 15 Prozent der Gartenzwerge tun.

Die Gartenzwerge symbolisieren das harte Leben der Grubenarbeiter. Und doch gibt es einen wichtigen Unterschied: Friedmann: "Es scheint, als hätten die Gartenzwerge viel zu tun. Aber in Wirklichkeit arbeiten sie nichts. Deshalb sind sie so gut gelaunt." Alleine deshalb ist ihre Gegenwart auch besonders für einsame Menschen wichtig. "Wer keinen Hund oder keine Katze hat, erzählt dem Gartenzwerg seine Sorgen", erläutert Friedmann. "Es sind gute Gesprächspartner. Sie hören immer zu. Man kann Fragen an sie richten, aber sie geben nie dumme oder freche Antworten." Die Beziehung zwischen Mensch und Zwerg manifestiert sich deshalb auch in der Namensgebung.

"Helmut Kohl" heißt beispielsweise ein dickbäuchiger, biertrinkender Zwerg auf Joseph Ress' Vorplatz im elsässischen Zillisheim. Andere heißen Heino, Pauli oder Sebi. Seit der 67-jährige Rentner eine Sammlung von 330 Zwergen sein Eigen nennt, stürmen immer mehr Besucher seinen Garten. Rund 2.000 seien es im letzten Jahr gewesen. Dabei verlangen er, seine Frau Augustine und seine Töchter niemals Eintritt. Alleine zu Weihnachten seien 3.000 Besucher gekommen.

Sein Garten ist ein buntes Sammelsurium von echten und unechten Zwergen. Viele sind aus Plastik, andere zu hoch oder entsprechen in ihrer Darstellung nicht dem würdevollen Gartenzwerg. Gerne hätte Ress auch ein pinkelndes Exemplar hingestellt, aber da legte seine Frau Augustine ihr Veto ein. Dafür gestaltet er seine Schar regelmäßig um. Mal drückt er einem ein Glas Wein in die Hand, mal eine Flasche Schnaps. Ein besonders beliebtes Fotosujet ist der Piratenzwerg.

Riesige Zwergensammlung
Zum Sammler geworden ist Ress, als er wegen einer Krankheit seinen Bauernbetrieb aufgeben musste. Die leere Scheune und die landwirtschaftlichen Maschinen bedrückten ihn.
So entschloss er sich eines Tages, Zwerge zu sammeln. Mit zehn Stück hat er angefangen. Und gratis waren die kleinen Männer nicht immer. Honoriert haben seinen Aufwand bisher nicht einmal jene sieben Fernsehanstalten, die bei ihm schon drehten, sich mit Wein und Champagner bewirten ließen und eine Videokassette versprachen, die nie geschickt wurde.

Zu allem Übel wurde er vor einigen Jahren auch noch von der "Gruppe zur Befreiung der Zwerge" heimgesucht. Das kann ihm nun nicht mehr passieren. "Wir haben den Garten eingemauert."
Auch wenn Friedmann an Ress' Garten seine Freude hat, zur Rettung der wahren Zwerge steuert der Elsässer doch nur bedingt bei.

Heute werden die Zwerge aus Ton in Tschechien oder China hergestellt. Die deutsche Produktion wurde von Chinesen aufgekauft. Doch von deutscher Wertarbeit ist nichts mehr zu sehen. "Schlecht bemalt, anfällig auf Wind und Wetter sind sie", klagt Friedmann. Außerdem stellen die chinesischen Käufer gemeinsam mit den Gartenzwergen Tonkrieger her - eine Schande für das friedliche Symbol der Bodenständigkeit.

Ein Greuel für Friedmann sind aber auch die Plastikzwerge, die zu Billigpreisen in den Warenhäusern verramscht werden. Auch wenn der gute alte Gartenzwerg in Deutschland nicht mehr hergestellt wird, scheint sein weltweiter Aufstieg doch unaufhaltsam. "Immer mehr Menschen erkennen seinen kulturellen Wert", sagt Friedmann.
Gegenwärtig stellen in Frankreich, Amerika und Kanada immer mehr Menschen Zwerge in den Garten. Sie wurden schon überall gesehen: Am Nordpol genauso wie auf dem Säntis. Friedmann schätzt die Gesamtbevölkerung der Zwerge auf das Fünffache der Schweizer, also auf 35 Millionen. Rund vier Millionen kommen jährlich neu hinzu, ein Bevölkerungswachstum, das kein Volk sonst aufweisen kann. Allerdings sind sie meist Ersatz für kaputte, ältere Zwerge.
Sammler zahlen für gut erhaltene Vorkriegsoriginale bis zu 2.000 Franken. Bei einigen ist die Begeisterung so groß, dass sie von Haus zu Haus pilgern und nach den Wichtelmännchen fragen. Längst hat auch die Moderne die Zwerge eingeholt: Zwerge mit Radioapparaten, Zwerge, die durch einen Bewegungsmelder Gäste begrüßen, und ähnliche Gags verschärfen den Überlebenskampf des wahren Terrakotta-Produktes.

Eines ist für Friedmann sicher: "Nicht jeder Zwerg ist ein Gartenzwerg, aber jeder Gartenzwerg ein Zwerg. Und er sollte es uns wert sein, für seine Existenz zu kämpfen. Alleine, um der Dimensionen willen. Die Philosophie ist ein uraltes Spiel zwischen klein und groß. Diese Fragen haben Fotografen, Bildhauer und Schriftsteller inspiriert. Und zu wegweisenden Erkenntnissen geführt. Etwa Novalis, den Frühromantiker der deutschen Dichtung, der sagte: ,Wenn du einen Riesen siehst, prüfe den Stand der Sonne und sieh nach, ob es sich nicht nur um den Schatten eines Zwerges handelt.'"

Wiener Zeitung - 24. August 2001

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